Linke Demokratie

1848

Frankreich und Proudhon

Frankreich wurde seit 1830 von dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe regiert. Im Laufe seines Regierens löste sich Louis Philippe immer mehr von seiner ursprünglich liberalen Politik. Das Ergebnis war, dass Reformen nicht durchgeführt wurden und die wirtschaftliche Krise von 1847 spürbar wurde. „Die Geschäfte gingen zurück, der Arbeitslohn sank um 50-60%.“

Als Foren für Reformideen wurden Bankette [Festessen in feierlichem Rahmen, A] durchgeführt, auf denen zumindest über Reformen geredet wurde. Eines dieser Bankette war für den 22. Februar 1848 geplant. Diese Zusammenkunft wurde jedoch abgesagt und die BürgerInnen, die auf Reformen warteten, demonstrierten aus Protest gegen die Absage. Daraus entwickelten sich in der Nacht und am kommenden Tag Barrikadenkämpfe. „Die Pariser bauten 2.000 Barrikaden. Am Morgen des 24. Februar waren alle Kasernen und Waffenarsenale in den Händen der Aufständischen. Der König floh aus Paris. […] Der Thron wurde auf einem Platz in Paris öffentlich verbrannt. Die Macht wurde von einer provisorischen Regierung ausgeübt, in der Lamartine eine führende Rolle spielte. Innenminister wurde Ledru-Rollin. Am 25. Februar 1848 wurde Frankreich zur Republik erklärt.“

Ein „Revolutionäres Programm“ erschien in Frankreich. Verfasst wurde es vom bekannten französischen Anarchisten Pierre Proudhon. In dieser Schrift vertritt er mit dem Hinweis auf die Menschenrechte, die individuellen bürgerlichen Freiheitsrechte inklusive des Rechts auf Eigentum und andererseits die frei Geldzirkulation und das Konzept der Tauschbank. (Proudhon, 2010, 61ff.)

Die französische Februarrevolution war zugleich der Startschuss für die weiteren Ereignisse, auch im Deutschen Reich.

Die Revolution im deutschsprachigen Raum in der Einschätzung von Marx und Engels

Das Revolutionsjahr 1848 zählt zu den Glanzpunkten, aber auch zu den Wendepunkten deutscher Geschichte. Kennzeichnend war der richtungweisende Versuch, einen national geeinten, modernen deutschen Staat mit einer freiheitlichen Verfassung zu schaffen, ausgerichtet auf die Interessen und auf das Wohl des Volkes. In diesem Rechtsstaat sollten mündige Staatsbürger ihr politisches Schicksal mitbestimmen, sie sollten durch Grundrechte geschützt sein und neue Chancen für ihre soziale und wirtschaftliche Entfaltung erhalten. Ein auf solche Weise freiheitlich gestaltetes Deutschland war gedacht als Teil einer friedlichen gesamteuropäischen Staaten- und Völkerfamilie.“ (Wollenstein, 2006,4)

Diese Einschätzung findet sich in den „Informationen zur politischen Bildung“. Für den Zeitgenossen Friedrich Engels stellt sich dies ganz anders dar. 1840 war aber auch der Höhepunkt der Reaktion, wie 1830 der Höhepunkt der revolutionären Bewegung der Bourgeoisie gewesen war. Von 1840 an begannen die gegen den bestehenden Zustand gerichteten Bewegungen aufs neue. Oft geschlagen, gewannen sie auf die Dauer mehr und mehr Terrain.“ (MEW Bd.4, 498) Gemeinsam war all diesen Bewegungen, dass sie zugunsten des National- und Territorialstaat die Aufhebungen und Abschaffung von untergeordneten Einheiten, wie Fürstentümer oder Kantone, befürworteten. Eine Forderung entgegenkam, da es den Handel der Bourgeoisie begünstigte.

Die Großbourgeoisie war an bürgerlichen Freiheiten durch die Erfordernisse ihrer Wirtschaft, ihrer Industrie, ihres Weltverkehrs interessiert. Sie brauchte liberale Gesetze, Einrichtungen, Behörden, wenn sie mit der Konkurrenzfähigkeit der bürgerlichen Kapitalstaaten, England, Frankreich und Holland Schritt halten wollte.“ (Rühle, 1998, 92)

Leicht kann man hier die inhaltlichen Parallelen zu den Aussagen im Manifest der kommunistischen Partei erkennen, das 1848 erscheint.

Auf dieser Stufe bekämpfen die Proletarier also noch nicht ihre Feinde, sondern die Feinde ihrer Feinde, die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer, die nichtindustriellen Bourgeois, die Kleinbürger. Die ganze geschichtliche Bewegung ist so in den Händen der Bourgeoisie konzentriert; jeder Sieg, der so errungen wird, ist ein Sieg der Bourgeoisie. Aber mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie immer mehr.“ (Marx/Engels, MEW Bd.4, 470)

Und weiter schreibt Engels: „Und doch ist nichts augenscheinlicher, als daß sie nur uns, den Demokraten und Kommunisten, überall den Weg bahnen, als daß sie höchstens einige Jahre unruhigen Genusses erobern werden, um alsdann sofort wieder gestürzt zu werden. Überall steht hinter ihnen das Proletariat“ (MEW, Bd.4,502). Engels wie auch Marx gehen davon aus, dass die bürgerlichen Revolutionen den Übergang von Feudalsystem zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft schafft, auf deren Grundlage vom Proletariat, der nächste Schritt, die sozialistische Revolution erfolgt. Deshalb schreibt Engels am Schluss seines Artikels: „Wir haben euch vorderhand nötig, wir haben sogar hie und da eure Herrschaft nötig.“ (Ebd.) Für das deutsche Reich sahen die beiden sogar eher kurze Dauer zwischen den beiden Revolutionen. Als Marx im Dezember 1848 auf das Jahr zurückblickte, musste er allerdings feststellen, dass die bürgerliche Revolution am Bürgertum gescheitert war,

weil sie selbst schon zur alten Gesellschaft gehörte; nicht die Interessen einer neuen Gesellschaft gegen eine alte, sondern erneute Interessen innerhalb einer veralteten Gesellschaft vertretend; nicht an dem Steuerruder der Revolution, weil das Volk hinter ihr stand, sondern weil das Volk sie vor sich herdrängte; nicht an der Spitze, weil sie die Initiative einer neuen, sondern nur weil sie die Ranküne [heimliche Feindschaft, A] einer alten Gesellschaftsepoche vertrat;“ (MEW Bd. 6, 109)

Otto Rühle betont eine etwas andere Ursache, die dem jedoch nicht zwangsläufig widerspricht. Er macht die Furcht der Bürger um ihr Eigentum und Angst der Besitzbürger vor der Sozialen Revolution dafür verantwortlich, die sie veranlasste das gemeinsame Bündnis mit den ArbeiterInnen aufzukündigen. „So stockte sie schon beim ersten Schritt aus Angst vor dem zweiten. […] Das machte sie revolutionsunfähig, feige, verräterisch reaktionär.“ (Rühle, 1998, 105)

Die Enttäuschung von Marx und Engels über den Fortgang und Ergebnis der Ereignisse war groß.iMarx hatte große Hoffnung auf die 48er Revolution gesetzt, er hatte sich begreifliche Illusionen über die Kraft des Proletariats gemacht, mit dem und für das er in der Neuen Rheinischen Zeitung kämpfte, und noch bis zum Sommer 1850 konnte er nicht an die grässliche Niederlage und das endgültige Ende der Bewegung glauben.“ (Brupbacher, 2013, 76)

Brupbacher, Sozialdemokrat und zeitweise KP-Mitglied mit Hang zum Anarchismus (Kellermann, 2013) kommt in seiner Einschätzung damit dem Gegenwartsautor Teodor Webin nahe, der in der anarchosyndikalistische Zeitung „Direkte Aktion“ schreibt: „Die Revolution von 1848, in die auch Karl Marx – siehe eben das Manifest! – große Hoffnungen gesteckt hatte, wurde für ihn die Grundlage für eine Theorie, die die sozialen Bewegungen an die Entwicklung und Modernität des Kapitals bindet. Damit wurde auch nur das moderne Proletariat – das Industrie-proletariat – zum privilegierten Träger der Revolution“.

Ihre Ein- und Ansichten hat Marx und Engels jedoch nicht daran gehindert, ab Juni 1848 mit publizistischen Mitteln und 1849 zusätzlich vor Ort in Köln organisiert in einem Verein an der Seite der Demokraten gegen die preußischen Politik zu streiten. Der Sozialdemokrat, USPD Politiker und Publizist Franz Mehring, der die erste Marx Biografie schrieb, wertet das Engagement der beiden so: „Ganz im Geiste des »Kommunistischen Manifestes« suchte sie die revolutionäre Bewegung voranzutreiben, so wie sie nun einmal war. Die Aufgabe war um so dringlicher, als der revolutionäre Boden, den die Märztage erobert hatten, im Juni halb und halb schon wieder verloren war.“ (Mehring, 1960, 163).

Neben den sonst noch bekannten Persönlichkeiten wie Gustav Struve oder Friedrich Hecker in Baden, gab es lokal viele Männer und Frauen, die sich 1848/49 für die Demokratie eintraten oder/und einer der sozialistischen Richtungen angehörten. So vertrat Gustav Schlöffels in Berlin die sogenannten Rehberger, und verband in seinen Forderung die Lösung der sozialen Frage und die politische Forderung der Demokraten. Die Rehberger waren 1.500 Berliner Arbeitslose, die für eine Art Arbeitbeschaffungsmaßnahme in den Rehbergen am Stadtrand von Berlin zwangsverpflichtet wurden. „Diese öffentlichen Arbeiten waren eine Verlegenheits-Experiment der Regierung und hatten nur den Zweck, die Arbeiter so lange hinzuhalten, bis die revolutionären Hochgluth verlaufen war.“ (Blos, 1893, 223). Für und mit diesem „Lumpenproletariat“, wie es häufig heißt, setzt sich Schlöffel ein, während sich etwa Stefan Born als Vertreter der organisierten (Industrie-)Arbeiter sah. Als „Redakteur“ des Volksfreunds schrieb Schöffel eine Artikelserie in der er Folgendes fordert:

enger Zusammenhang zwischen ökonomischem und politischem Kampf, d. h. keine Isolierung der [A]rbeiter-organisation außerhalb des Produktionsbereichs in Form etwa einer politischen Partei, sondern Entwicklung von Kämpfen in Wechselwirkung der Arbeiterassoziationen auf Betriebs- und Branchenebene.“ Damit formuliert er, nach Webin, bereits „die Grundsätze des Syndikalismus“ [gewerkschaftlich organisierte und am Rätegedanken orientierte anarchistische Bewegung, A]. Sie hoben ihre Ablehnung eines Bündnisses mit dem Bürgertum ab, stattdessen strebten sie ein Bündnis innerhalb der Arbeiterschaft an.

Wir wollen Hand in Hand gehen mit Euch andern Arbeitern und Kampfgenossen, wir knüpfen unsere Sache an die Eurige und versprechen uns von dem aufrichtigen, mutigen und entschlossenen Wirken des Volks- und Arbeiterausschusses auch Abhülfe unserer bittern Not. -Werfet nicht den Stein auf verirrte Brüder, die ihre Verzweiflung an Leidensgefährten auslassen, weil es ihnen gelang, etwas mehr zu verdienen. Die Schuld an solchen Verwirrungen, wer trägt sie, als unsere Dränger?“ (zitiert nach: Bartnik/Bordon)

Michael Bakunin, „Mitbegründer des herrschaftslosen Sozialismus“ oder Anarchismus, der von 1845-47 in Paris lebte und dort sowohl Pierre Proudhon als auch Karl Marx kennenlernte, wurde 1847 aus politischen Gründen auf Drängen des russischen Botschafters in Frankreich des Landes verwiesen. Nach Wolfgang Eckhardt, der Bakunin im Lexikon der Anarchie vorstellt, „führt ihn die Pariser Februarrevolution 1848 wieder nach Paris zurück, Ende März 1848 macht er sich jedoch auf den Weg Richtung Polen, wo er sich dem gerade von General Ludwik Mierosławski aufgestellten revolutionären Bauernheer anschließen und an einem geplanten Vorstoß gegen das Russische Reich teilnehmen will.“ Im Sommer 1848 nimmt er „am Slawenkongreß und dem anschließenden Pfingstaufstand in Prag, [teil,] der jedoch durch österreichisches Militär niedergeschlagen wird.“ Im Folgejahr beteiligt sich Bakunin aktiv an den revolutionären Prozessen in Sachsen. „Im Mai 1849 übernimmt er die militärische Führung im Rahmen einer revolutionären Regierung in Dresden, die den sächsischen König zur Flucht gezwungen hat und sich bald mit dem Einmarsch preußischer Truppen konfrontiert sieht. […] Auf dem Rückzug in Chemnitz wird er jedoch verhaftet.“ (Ebd.)

Literatur

Bartnik, Norbert/ Frieda Bordon (1978): Die Rehberger. Subkultur der Berliner Erdarbeiter um 1830. S.80. In: Bergmann/Janssen/Klein (Hrsg.): Autonomie im Arbeiterkampf. Beiträge zum Kampf gegen die Fabrikgesellschaft. München/Hamburg.
-Blos, Wilhelm: Die Deutsche Revolution. Geschichte der deutschen Bewegung von 1848 und 1849. Illustriert von Otto E. Lau. J. H. W. Dietz, Stuttgart 1893 (2. Aufl. 1898; 3. Aufl. 1906; 4. Aufl. 1920; 5. Aufl. 1922; 6. Aufl. 1923). – Brupbacher, Fritz (2013): Marx und Bakunin. Ein Beitrag zur Geschichte der Internationalen Arbeiterassoziation. Herausgegeben von Jochen Schmück, Einleitung von Philippe Kellermann. Potsdam: Libertad Verlag, (= Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte; 8). Überarb. und erweiterter Neudruck nach der 1922 im Verlag der Wochenschrift „DIE AKTION“ erschienenen Ausgabe.
– Borries, Achim von/Weber-Brandies, Ingeborg (Hrsg.) (2010): Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie.
– Engels, Friedrich: Die Bewegungen von 1847 [„Deutsche-Brüsseler-Zeitung“ Nr. 7 vom 23. Januar 1848], in: Marx-Engels-Werke Bd.4, 6. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1959, 494-503.
– Marx, Karl: Die Bourgeoisie und die Konterrevolution, in: MEW Bd. 6, 106-109.
– Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der kommunistischen Partei, in: Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 4, 6. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1959, Berlin/DDR. S. 459-493.
Franz Mehring – Gesammelte Schriften, Band 3. Berlin/DDR, 1960.
– Rühle, Otto (1998): 1848. Revolution in Deutschland, Nachdruck der Originalausgabe von 1927, herausg. von Jörn Essig-Gutschmidt, Münster, Unrast-Verlag (=Bd.2 der Reihe „Klassiker der Sozialrevolte“).
– Teodor Webin: Arbeiter und Arbeitslose in einer bürgerlichen Revolution. Das Beispiel der „Rehberger“ und Gustav Adolph Schlöffels 1848, in: Direkte Aktion 228 – März/April 2015.
– Wollstein, Günter (2006): Europa unter Modernisierungsdruck, in: Informationen zur politischen Bildung (Heft 265)

i  Engels beschäftigte sich ab September 1851 in seiner Artikelserie „Revolution und Konterrevolution in Deutschland“ (MEW, Bd. 8) erneut mit den Vorgängen der Revolutionsjahre 1848/49 und Marx widmete sich mehrfach mit den Vorgängen der gleichen Zeit in Frankreich. An dieser Stelle werden nur die Schriften und Artikel verwendet, die zur Zeit der Revolution selbst verfasst wurden. Da mir 1848 als gemeinsamer Fixpunkt von SozialistInnen, AnarchistInnen und RadikaldemokratInnen gilt, scheint es angebracht das Tagesaktuelle eher zu berücksichtigen, als spätere Arbeiten zum gleichen Thema. Engels schreibt in der „Einleitung [zu Karl Marx‘
„Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ (1895)], von dem Unterschied zwischen der „Tagesgeschichte“ und der historischen Analyse, die diese Auswahl rechtfertigt.