Linke Demokratie

Utopie

Die Stellung utopischen Denkens ist in der von Marx und Engels inspirierten Linken zwiespältig bis kritisch. Schon im Manifest der kommunistischen Partei grenzen sich die Autoren vom utopischen Sozialismus ab und verwerfen diesen. Seitdem „gilt“ in dieser Tradition ein „Bilderverbot“, was aber nicht immer eingehalten wurde. Dies erstreckt sich aber nicht auf andere Arten des Sozialismus.

Die Utopie als Textsorte geht auf Thomas Morus zurück. Richard Saage fasst die Kriterien dieser Gattung zusammen:

1. Morus selbst hat innerhalb des klassischen Ansatzes nur die archistische, das heißt herrschaftsbezogene Variante vorgestellt. Wenige Jahre nach Erscheinen der Utopia entwarf François Rabelais in seiner Thelema-Utopie die Alternative: Es ist das anarchistische, das heißt herrschaftsfreie Konzept einer idealen Sozietät, die das, was Utopia verneint, als den höchsten Wert betont: die Freiheit der Einzelnen. […]

2. […] Das klassische Konzept betont demgegenüber die Selbstkritik der Utopie. Ausdrücklich warnt Morus davor, dass diese das Gegenteil des von ihr Intendierten [nahe gelegten] bewirken könnte.

3. Die Utopie, so die klassische Lesart, ist ein Resonanzphänomen, das auf epochenspezifische Fehlentwicklungen reagiert. Insofern ist sie nicht der Geschichte enthoben, sondern selbst ein gesellschaftliches Konstrukt, das freilich stets den sozio-politischen Kontext seiner Herkunftsgesellschaft transzendiert [überschreiten].

4. Ferner sieht die klassische Konzeption in Utopia nicht nur die imaginierte [vorgestellten] gesellschaftliche Alternative zu den sozialen Missständen in ihrer jeweiligen Epoche, sondern sie lebt auch von Impulsen eines immanenten [enthaltenen] Lernprozesses. […]

5. Und schließlich stellt Morus’ Utopia zwar das Urbild eines literarischen Genres dar; aber ihre Botschaft ist nicht an die literarische Form des Romans gebunden. Sie kann diese auch in anderen Medien entfalten wie dem Fürstenspiegel, dem philosophischen Dialog, dem Verfassungsentwurf, dem Traktat, dem Architekturszenario oder dem Film.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der klassische Utopiebegriff stets auf die von ihm selbst benannten gesellschaftlichen Fehlentwicklungen bezogen ist. Er reagiert auf sie mit einer rational durchdachten Alternative, die als Lösungsvorschläge für jeweils erkennbare sozio-politische Krisen zu verstehen sind.“ (Saage, 2010, 18f.)

Die Utopie beinhaltet neben der Kritik an der bestehenden Gesellschaft, die Darstellung eines möglichen Gesellschaftsentwurfs, der damit natürlich immer auch an den Zuständen der eigenen Gesellschaft gebunden bleibt.

Marx und Engels

Die Abgrenzung des utopischen Sozialismus von sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus ist auch ein Thema in Engels Schrift über „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“. Hier heißt es:

„Der Sozialismus ist ihnen allen (den „Utopisten“, A.) der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit und braucht nur entdeckt zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute Wahrheit unabhängig ist von Zeit, Raum und menschlicher geschichtlicher Entwicklung, so ist es bloßer Zufall, wann und wo sie entdeckt wird. […] Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden.“ (Engels, 200f.)

Mit dem realen Boden ist zum einen die bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft gemeint, die zur Zeit der Utopisten nach Marx und Engels Ansicht noch nicht ausgeprägt war, und zum zweiten der empirisch gestützte wissenschaftliche Sozialismus. Dagegen wandte sich später Erich Mühsam mit Verweis auf Landauer spöttelnd. Er weist darauf hin, dass sich Marx „nirgendwo mit dem Sozialismus“ sondern „mit der Analyse und Kritik des Kapitalismus“  beschäftigt habe. (Mühsam: 1927, 71)

Strategische Überlegungen oder Utopien?

Fast unbemerkt von großen Teilen der Partei beschäftigt sich die Rosa-Luxemburg Stiftung nun schon seit einiger Zeit mit Transformationsprozessen und verbindet damit auch bestimmte Zielvorstellungen. Dieter Klein zählte 2013 vier „Kapitel einer solchen Erzählung“ mit „vier Leitideen

 – gerechte Umverteilung von Lebenschancen und Macht,
– sozial-ökologischer Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft,
– demokratische Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft,
– umfassende Friedenssicherung und internationale Solidarität“ (65)

auf. Das Problem der Stiftung ist jedoch, dass sie sich auf eine Transformationsprozess festlegt, der sich zwischen Reformorientierung und Revolution bewegt. Dabei mischt sie die Idee einer sinnstiftenden Erzählung mit strategischen Überlegungen. „Im Konzept einer doppelten Transformation finden sowohl partielle und begrenzte Reformen als auch die Orientierung auf eine revolutionäre Tiefe von Veränderungen ihren Platz und korrigieren wechselseitig ihre Einseitigkeit und Beschränktheit.“ (165) Dies bedeutet zum einen, so lautet die Hoffnung, eine Aussöhnung zwischen reform- und revolutionsorientierten Kräften und „demokratisch-sozialistische Brückenköpfe in den bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften, also um den Einstieg in eine zweite Große Transformation über den Kapitalismus hinaus.“ (166) Diese Mischung aus utopischer Skizze und transformatorischem Prozess mit parlamentarischem Handlauf verschärft sowohl für die Mitglieder der LINKEN als auch für die gesellschaftliche Linke die Unsicherheit, ob DIE LINKE. eine sozialdemokratische oder eine sozialistische Partei sein möchte. Aber erst „die Utopie öffnet die Horizonte, weist der Politik die Korridore, die dann zumindest teilweise in der Gegenwart ausgestaltet oder durchschritten werden können.“ (Andreas Heyer: 160).

„Gegenwartszukünfte“?

Wahrscheinlich sind WissenschaftlerInnen die falschen Adressaten für solche Entwürfe. Aber dennoch scheinen sie notwendig. Georg Bollenbeck schrieb in der Zeitung Luxemburg (Heft 1/2010) vom Sinngenerator. Für ihn war der Sinngenerator ein normativ-programmatisches Ziel, eine „regulative Idee“ (S.92) die handlungsmotivierend wirkt und ein Bindeglied zwischen Theorie und Praxis sein kann. Und weiter: „Aber für den Sinngenerator ist eine orientierende Weltdeutung unabdingbar. … Deshalb ist eine gesellschaftsanalytische Reintellektualisierung geboten, die an die Marxsche Theorie anknüpft, die zugleich aber erfahrungsoffen in einer »dialektischen Kommunikation« (Adorno) andere Theorien wahrnimmt, anerkennt und aufhebt.“ (S. 94) Mahnend gibt er der Mosaik-Linken auf den Weg, ohne einen solche verbindende Erzählung werde es zerfallen und auch die Partei DIE LINKE. „das Schicksal der Volksparteien erleiden, ohne überhaupt erst Volkspartei geworden zu sein.“ (S. 95)

Auch Dieter Klein sieht dies ähnlich. Zunächst stellt er 2013 fest, dass weder die deutsche, noch die europäische Linke über eine „Hoffnungsgesellschaft“ verfügten, womit sie hinter den „Herausforderungen des Kampfes zwischen den gegensätzlichen Varianten künftiger Entwicklungspfade“ zurückbleibe. (S.54) „Eine zeitgemäße Erzählung der Linken hat die wichtige Aufgabe, den Zusammenhang vieler einzelner alternativer Projekte zu einem gemeinsamen Gesellschaftsprojekt herzustellen.“ Für Bollenbeck war diese programmatische Perspektive eine sozialistische. Für die Mosaik-Linke ist es sicherlich nicht selbstverständlich, sich auch auf diese Erzählung einzulassen. Aber Alex Demirovic hat zurecht darauf hingewiesen, dass „Sozialismus das Sinnelement“ sei, „der historisch überlieferte leere Signifikant, der Sinngenerator – das alle diese Emanzipationsbestrebungen miteinander verknüpft, weil es dafür steht, alle Verhältnisse umzustürzen, unter denen Menschen geknechtet sind.“ (Demirovic: 162)

Dabei ist es gerade der Vorteil der Utopien, dass sie „emanzipatorisch über das Jetzt“ hinausweisen. Der utopische Diskurs, der mit dem politischen verknüpft, aber nicht identisch ist, verfügt zudem „über das Potential, seine Fehlentwicklungen selbst zu hinterfragen, zu korrigieren und mit anderen Ansätzen zu konfrontieren.“ (161) Und nicht zuletzt wirkt eine Utopie mobilisierend. In Abwandlung eines Zitats von Gustav Landauer könnte man sagen: eine Utopie sorgt für das „Bestreben, mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen.“

Kritik:  Es stellt sich die Frage, ob der Entwurf einer Utopie angesichts der „Dialektik der Aufklärung“, wie sie Adorno und Horkeimer festgestellt haben, noch möglich ist.

Literatur:
Bollenbeck, G.: Für eine unbescheidene Linke. Krise – Hegemonie – Sinngenerator, in: Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, Heft 1/2010.
Bosselmann, Heino: Linker Illusionismus?, in: 18. Jahrgang, Nr 10, 11. Mai 2015.
Demirovic, A. (2012): Drei Sinngeneratoren: Kapitalismus – Demokratie – Sozialismus, in: Demirovic, A./Kaindl, C. (2012)
Demirovic, A./Kaindl, C. (2012)(Hg.): Gegen den Neoliberalismus andenken. Linke Wissenspolitik und sozialistische Perspektiven, Hamburg, VSA: Verlag.
Friedrich Engels: „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, in: Karl Marx/Friedrich Engels Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 19, 4. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 189-201.
Heyer, A. (2006): Die Utopie steht links! Ein Essay, Texte 26 der Rosa Luxemburg Stiftung.
Klein, D: (2013): Das Morgen tanzt im Heute. Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus, VSA-Verlag.
Landauer, Gustav (1911): Aufruf zum Sozialismus.
Mühsam, Erich: Bismraxismus. in: Fanal, Jg.1, Heft 5, Febr. 1927.
Saage, Richard (2010): UTOPISCHE HORIZONTE. Zwischen historischer Entwicklung und aktuellem Geltungsanspruch, Münster, LIT Verlag.