Linke Demokratie
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Verrohen bzw. entmenschlichen

Viel ist von Verrohung die Rede. Es scheint, als wäre dies die einzige Vokabel, auf die sich diejenigen einigen können, deren Geschäft die Sekundärkommunikation ist. Unklar bleibt, was alles verroht ist, wann dieser Zustand begann und ob dieser nur eine zeitweise auftretende oder chronische Krankheit ist? Und wie stehen überhaupt die Chancen auf Besserung?

Als sich der Ministerpräsident des Freistaates Bayern und der Parteichef dieser Regionalpartei der dieser Ministerpräsident entstammt, die Vokabel „Asyltourismus“ verbal zirkulieren ließen, wurde bei der Beschreibung des aktuellen Sprachgebrauchs häufig das Wort „Verrohung“ verwendet. Selbst Christian Lindner, der laut Augsburger Allgemeine der CSU Position näher stehe als der Politik „der Kanzlerin“, sprach gegenüber der gleichen Zeitung von Verrohung. Während einige Kommentatoren, die „Verrohung“ mit der Sprache des Nationalsozialismus, der „Lingua Tertii Imperii“, in Verbindung brachten, sah Lindner „Asyltourismus“ als aus dem „Repertoire der politischen Gossensprache“. Die Verrohung verband Lindner eher mit den USA. „Ich möchte nicht, dass unsere Demokratie so verroht und verprollt wie die amerikanische unter Donald Trump.“ Anne Häming entdeckte völlig fassungslos im Politikfeld Asyl „eine politische Sprache voller brutaler Euphemismen der Morallosigkeit.“ Regierungsmitglieder benutzen Begriffe und Bilder so selbstverständlich, „als spiegelten sie ‚unsere‘ Normalität“, die sie damit mit kreieren, wie ich hinzufügen möchte.

„Die SPD im bayerischen Landtag hatte Söder wegen der Wortwahl sogar mit einer Klage

vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof gedroht, sollte die Staatsregierung nicht bis zum 15. Juli eine im Parlament erbetene Begriffsdefinition [von Asyltourismus] vorlegen.“ (Verrohung der politischen Kultur, in: taz) Eine Quelle, dass der bayrische Ministerpräsident am 15. Juli an diese Forderung erinnert worden wäre, habe ich nicht gefunden. Es genügte wohl, dass er versprach, das Wort nicht mehr zu verwenden. Und die anderen Nutzer, was machen die?

Der empirisch arbeitenden Sozialpsychologin Beate Küpper nach positioniert sich zwar die große Mehrheit der Bevölkerung als „demokratisch“, zeigt aber in Einzelfragen Meinungen, die auch anschlussfähig sind für Rechtspopulismus und neurechte Ideologien“, fasst die Petra-Kelly-Stiftung Küppers Position zusammen. So komme es zum „Einsickern“ dieser Ideologien und ihrer Sprache in den politischen Diskurs. Dabei spielt das Internet und spielen die Sozialen Medien eine wichtige Rolle, denn hier ist für die Sichtbarkeit einer Position nicht alleine die Anzahl der VertreterInnen wichtig. Auch eine Minderheit mit aktiven Schreibern, die gut vernetzt sind, kann sich hier einen guten Resonanzrahmen schaffen. „Wenige von ihnen schaffen es im Internet, als die Vielen zu erscheinen, es gibt Wortergreifungsstrategien, deren Begriffe wie „Asyltourismus“ dann irgendwann im Mainstream auftauchen. Und wer die Sozialen Medien verfolgt, könnte den Eindruck bekommen, ganz Deutschland sei eine Hassgesellschaft.“ (Naika Foroutan) Inhaltlich geht Professor Foroutan stärker mit der Politik ins Gericht, als die anderen Kommentatoren. Die Konsequenz der deutschen Diskussion bedeute, Foroutan, die „Entwertung des Lebens anderer, die keine Europäer sind. Ob Kind, ob Frau, ob Junge mit Hoffnung im Blick – das spielt keine Rolle. Die Zugangskategorie für Leben ist durch die Geographie bestimmt.“ Deutschland befinde sich in einer „Phase der Destruktion“, die man daran erkennt, dass die zivilisatorische Errungenschaften der 68er und die damit zusammenhängenden Standards zerstört werden, unter anderem unser „Verständnis von Gleichberechtigung, sexueller Selbstbestimmung, Toleranz und Meinungsfreiheit“.

Zwischenzeitlich wird, wie nach jedem journalistischen Fauxpas, ob nach einer außenpolitischen Parteinahme (Golfkrieg), der Verwendung des Wortes „Dönermorde“, „Kopftuchmädchen“ oder aber bei der Diskussion über „Deutschland schafft sich ab“ und anderes mehr, an anderer Stelle ein Metadiskurs über den Journalismus geführt und dann ein neuer kollektiver Fehler begangen. „Für die liberale Gesellschaft ist es überlebensnotwendig, dass Journalisten es als Teil ihres Auftrages begreifen, solche Gedankenschöpfungen kritisch zu durchleuchten. Es hat Folgen, wenn wir die Sprache derart verrohen lassen, dass Menschen damit pauschal als Abzocker hingestellt werden“, führt Kognitionsforscherin Wehling aus. „Empathielosigkeit, Hass und Gewalt gegen erklärte Sündenböcke sind seit 1945 tabuisiert. Dieses Tabu zu brechen – daran dürfen Journalisten nicht mitwirken.“

Wenn Lokalpolitiker, Beamte oder Sanitäter bedroht oder körperlich angegangen werden, verroht das Land (Das verrohte Land – Wenn das Mitgefühl schwindet, MO 23.7., 22:45 Uhr, ARD – Das Erste). In dem Beitrag geht es um handfeste Angriffe und Beamte, die staatlich bezahlte Verteidigungs- und Antiaggressionskurse in Anspruch nehmen müssen, weil sie sich wehren bzw. schützen können sollten. Und an der Stelle werden aus Beamten Menschen, die Opfer derjenigen werden, die den Staat meinen und den Beamten treffen (min 4:44).

Verrohung wird aber nicht erst im Juli des Jahres 2018 beklagt. Bereits 2016 trat der Bayerische Lehrerverband an die Öffentlichkeit, in seinem Manifest „Haltung zeigen!“ beklagt er eine „Verrohung des Umgangs miteinander“.

„Wir Lehrerinnen und Lehrer sehen diesen Grundkonsens [Die Würde des Menschen ist unantastbar. Art 1. GG d.A.] bedroht.“

Die Gesellschaft werde gespalten und die Menschen „emotional aufgehetzt“. „Repräsen-tanten der Rechtspopulisten und Rechtsextremen“ trügen zur „Verrohung“ bei. Und diese führe zur „Zwietracht, Verfolgung und physische Gewalt.“ Es scheint, als ob die emotionale Hetze mit der Verrohung gleichgesetzt würde. Immerhin sieht auch die Politikwissen-schaftlerin Naika Foroutan in der „moralische Erosion“ einen Faktor für das Phänomen, das Verrohung genannt wird. Allerdings sieht sie andere Ursprünge und benennt sie auch anders. Im Tagesspiegel-Interview fasst sie ihren Eindruck aus ihren Langzeitbeobacht-ungen in einigen Aussagen zusammen. „Deutschland wird brutaler“ und an anderer Stelle beschreibt sie die politischen Kräfteverschiebungen in Europa „als strategische Entmoralisierung“.

Eva Groß, Andreas Zick und Daniela Krause drei Bielefelder Wissenschaftler, die an der Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ mitgearbeitet hatten, ordnen diese Verrohungen in der Zeitschrift aus Politik und Zeitgeschichte“ etwas anders ein. Gruppenspezifischen Menschenfeindlichkeit (GMF) bedeutet „die Abwertung von Gruppen“ aufgrund von „Stereotype“ und „Vorurteile“. Die Wissenschaftler untersuchten die Einstellung zu unterschiedlichen Gruppen, unter anderem zu Ausländern, zu Asylbewerbern oder zu Homosexuellen. „Die Abwertungen, die wir als Elemente des GMF-Syndroms verstehen, hängen untereinander zusammen und haben einen gemeinsamen Kern, der durch die generelle Ideologie, dass Ungleichwertigkeit von Gruppen die Gesellschaft bestimmt und dies auch gut sei, beschrieben ist.“ Und weiter führen sie aus, dass die „Ungleichwertigkeitsideologie […] zentral für das GMF-Syndrom [sei], weil sie letztendlich danach trachtet, soziale Ungleichheit zwischen Gruppen herzustellen.“ Die Konstruktion der Ungleichheit kann unterschiedlich begründet werden.

„Homosexuellen wird mit dem Argument der ‚Widernatürlichkeit‘ oder des ‚Unmoralischen‘ Ungleichwertigkeit attestiert. Im Rassismus wird die Ungleichwertigkeit durch biologische Minderwertigkeit oder Andersartigkeit erklärt, bei Obdachlosen und Arbeitslosen durch gesellschaftliche und insbesondere wirtschaftliche ‚Nutzlosigkeit‘.“

Die Stigmatisierung der Hartz IV Empfänger und die entsprechenden Herabwürdigungen gehören damit in die gleiche Kategorie wie die sprachlichen Verunglimpfungen der Flüchtlinge. „Der Rassismus dient der Festigung des Anrechtsprinzips, während die gegenwärtigen erfolgs- und leistungsorientierten Gerechtigkeitsprinzipien sich der Abwertung von vermeintlich nutzlosen und leistungsschwachen Gruppen bedienen“.

Wenn der Journalismus die vielfältigen Formen´der Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die Ungleichwertigkeitsideologie innerhalb der Gesellschaft nur aktualisiert nach einem Anschlag zur Kenntnis nimmt, und abwertende Stereotype Verrohung nennt, wird sie ihrer Funktion, zu erklären, nicht mehr gerecht.

Laut Duden heißt „verrohen“ „brutal machen“ oder „brutal werden“. Synonyme sind „unmenschlich werden, entmenschen, entmenschlichen“. Verrohen klingt viel netter, gelle.

 

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